II Erklärung Limburger Katholiken

An die Katholiken des Bistums:
Für die Erneuerung der Kirche von Limburg

Zweite Erklärung der Laieninitiative

Una Sancta Catholica – LAIEN FÜR KONZIL UND LEHRAMT“

Frankfurt, 15,8, 2014

Funktionärskirche – Nein Danke!

Ja zur römisch-katholischen Kirche!

 

Vorbemerkung

(1) Der ‚Limburger Bischofsstreit’ erschütterte ein dreiviertel Jahr lang nicht nur die Katholiken des Bistums Limburg, sondern die gesamte katholische Kirche schwer. Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hat zweifellos als Bauherr Fehler gemacht, als er bedenkenlos (?) zu große Summen in den Bau investierte, ja verschwendete, – was nach unserer Überzeugung jedoch keinesfalls seine Vertreibung rechtfertigte! Andere deutsche Bischöfe haben mehr Geld ausgegeben, ohne dass es minutiös und Punkt für Punkt von Prüfern nachkontrolliert wurde. Andererseits aber erkannte der Bischof wie kein anderer, woran das kirchliche Leben des Bistums (und auch anderer Bistümer) wirklich krankt. Darüber schwiegen sich kirchliche Stimmen allerdings aus (und sie tun es bis heute). Er griff in bedenkliche Entwicklungen ein, um ‚Limburger Verhältnisse’ wieder an den Maßstäben der Weltkirche auszurichten. Dies vor allem, nicht die Bausummen, brachte ihm innerkirchliche Feindschaft. UND DARÜBER MUSS ENDLICH GESPROCHEN WERDEN.

Die aggressive Bischofsbekämpfung durch kirchliche Kräfte im Verbund mit den Medien hat uns, wie zahllose Gläubige, über Gebühr strapaziert und verletzt. Das war nicht der Stil der Kirche, die wir kennen und lieben.
Als Laieninitiative traten wir zunächst „für Bischof und Kirche von Limburg“ ein. Heute, nachdem seine Gegner ihn wie einen Strauchdieb vertrieben haben, gilt unser Engagement seinem bischöflichen Anliegen; wir treten dafür ein, dass die Maßstäbe der Weltkirche, KONZIL UND LEHRAMT, in unserem Bistum konsequenter als bisher beachtet werden. An beiden Weisungsinstanzen vorbei wurden seit fast 50 Jahren schwerwiegende Fehlentwicklungen in Limburg (und anderswo) zugelassen oder sogar gefördert. Sie müssen als Fehlentwicklung erkannt und in einem Reformprozess allmählich zurück genommen werden, um auf den Weg echter Erneuerung finden zu können.

Das alles lässt sich nicht auf drei Seiten abhandeln. Wenn es um die Hintergründe der aktuellen Kirchenkrise geht, muss weiter zurück geblickt werden in die jüngere Geschichte des Bistums und des Katholizismus in Deutschland. Es genügt nicht, nur die 12 Monate des öffentlichen Streits oder die fünf Jahre unter Bischof Tebartz-van Elst betrachten zu wollen.
Wir ‚Laien für Konzil und Lehramt’ verstehen uns nicht als ‚kirchliche Experten’, doch wir fühlen uns verpflichtet und berechtigt, ausführlich Position zu beziehen, zumal nicht wenige theologische ‚Experten’ durch Fragwürdiges von sich reden machen (ohne Schwierigkeit ließe sich eine längere Liste der üblichen Kandidaten vorlegen). Wir identifizieren uns als Katholiken mit unserer Kirche. Weil der Herr in ihr lebt, bleibt sie der Ort des Heils, obwohl sie voller Fehler ist und ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Wer sie beschädigt, der beschädigt auch uns – und deshalb melden wir uns parteiisch zu Wort. Da wir beruflich nicht im kirchlichen Dienst stehen, können wir in einer Weise offener argumentieren, die Hauptamtlichen nur bedingt möglich ist. Das ist einerseits ein Vorteil, macht uns andererseits aber auch angreifbarer. Ganz sicher werden unsere Aussagen nicht jeden überzeugen. Man wird uns Polemik vorwerfen, doch wenn es darum geht, wie „Salz“ zu sein, was uns der Herr selbst aufträgt, können keine braven Harmlosigkeiten erwartet werden. Wir wollen und müssen – streiten. Bei aller Streitlust ist es uns dennoch ein ehrliches Anliegen, mit jedem Andersdenkenden im Gespräch bleiben zu können, sofern er nicht Grundlegendes in Frage stellt. Denn uns allen ist gesagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“
Nehmen Sie sich, lieber Leser, bitte die nötige Zeit, um die folgenden Ausführungen in Ruhe zu lesen.

 

Die aktuelle Situation

Man hätte erwarten dürfen, dass mit dem Bischofsrücktritt Ruhe einkehrt, doch die Betreiber seines Rücktritts, die Hofheimer-Priester-Initiative und maßgebliche Vertreter der synodalen Gremien geben sich damit nicht zufrieden. Sie möchten rückwirkend wesentliche Maßnahmen des Bischofs widerrufen und das Bistum verändern in ihrem Sinne, was darauf hinaus liefe, die episkopale Struktur der Kirche von Limburg zu „entmachten“ und sie letztlich, so abstrus es klingt, in eine Rätekirche, eine synodale Variante der evangelischen Kirche (EKD) umzuwandeln.

Wie man in diesem Zusammenhang aktuell argumentiert, soll kurz erläutert werden: Seit Bischof Tebartz’ Rücktritt zirkulieren Forderungen dieser Kreise, die keinen anderen Schluss zulassen, als den genannten. Drei Beispiele (man achte auf die verwendeten Begriffe): 1. Ein durchaus radikales Strategiepapier des Frankfurter Stadtsynodalrates wurde Anfang Mai in Umlauf gebracht; Arbeitstitel: „Zum künftigen Weg des Volkes Gottes im Bistum Limburg“ (sein Anliegen: die ‚Bischofsmacht’ sei zu kontrollieren). 2. Gremienkatholiken aus diesen Kreisen verwiesen auf eine Umfrage der Kölner-Kirchen-Initiative (KKI) zur Kölner Bischofswahl, die eine größere Mitbestimmung des „Kirchenvolkes“ forderte. Dieses Beispiel gelte es bei der Bischofswahl in Limburg und anderswo nachzuahmen. 3. Der Frankfurter Stadtdekan nannte das Umfrage-Ergebnis der Kölner Initiative (in der er mitwirkte) „ein deutliches Zeichen aus dem Gottesvolk“. Merke: es wird im Sinne der Mitbestimmung verstärkt von „Volk Gottes / Gottesvolk / Kirchenvolk“ geredet. In genau dieser Volk-Gottes-Argumentation steckt einer der beiden fundamentalen Irrtümer der Reformisten und ihrer Konzilsinterpretation, auf die sich die Kirchenkritiker seit Jahrzehnten regelmäßig beziehen. Wir gehen weiter unten genauer darauf ein.

Eine weitere typische Argumentation zur Entmachtung der Bischöfe wendet sich in antiautoritärer Manier gegen „Macht“ und „Angst“, die angeblich in der Kirche herrschten. Das war in Limburg so („Klima der Angst“, Pfr. Dexelmann, Pfr. Janssen, Hofheimer Priesterkreis u.a.), es wiederholte sich jüngst in Köln, wo ein mitbestimmungskonformer Bischofsnachfolger aufgebaut werden sollte. (Dass Kardinal Woelki dieses Wunsch-Profil bedienen wird, ist eher unwahrscheinlich). Auch der Jesuit Klaus Mertes meinte „…aus meinen vielen Gesprächen in Köln mit Katholiken“ bestätigen zu können, der „Abbau der Machtstrukturen und Angst“ sei angesagt. In die gleiche Kerbe schlug der Kirchenjurist Thomas Schüller, bekannt vom ominösen Anti-Bischofs-Podium am 12.11.2013 im Frankfurter Haus am Dom: er begrüßte ebenfalls die Kölner Forderung nach einem „Abbau der Machtstrukturen und Angst“ in der Kirche(diese Schlagworte sind im Grunde Kampfbegriffe; sie lassen sich direkt auf die antiautoritäre 68er-Tradition zurück führen).

Erstes Fazit: Von Anfang an ging es dem harten Kern der Bischofskritiker, wie sich jetzt ganz klar zeigt, nicht um die Limburger Baukosten, sondern um die Machtfrage im Bistum und in der Kirche generell. Die bischöflichen Amtsträger sollen im Sinne eines zeitgemäßeren Verständnisses strukturell ‚entmachtet’ werden, das ist des Pudels Kern! Entmachtet zu Gunsten des Mitbestimmungskatholizismus (das sind dann wohl die Gremien oder mit anderen Worten, die Räte – und somit die Funktionäre), was auf die Abschaffung des Hirtenamtes (Apostelamt) hinaus liefe. Die Folgen für die Kirche wären dramatisch. Von Anfang an haben wir auf diese Zusammenhänge hingewiesen, doch die Mehrzahl der Gläubigen hat das nicht erkannt; sie ließ sich von der „Protz“-Kampagne und dem monatelangen medialen Sperrfeuer gegen den „Protzbischof“ vollkommen täuschen.

Wir raten den Katholiken unseres Bistums:

Lassen Sie sich nicht von den Forderungen der Reformisten und von ihren Mitbestimmungsthesen beeindrucken! Die Kirche Jesu Christi wird sich nicht nach den verweltlichten Demokratievorstellungen eines ideologisierten Teiles der Kleriker und Synodalen im Bistum Limburg richten. Wir wollen diese nicht verteufeln, wenngleich sie mit ihren Intentionen nicht mehr auf dem Boden der katholischen Kirche stehen und nur Verwirrung stiften. Es ist davon auszugehen, dass sie ihre Ziele in dem Glauben verfolgen, die Kirche damit voran bringen zu können. Sie mögen sich eventuell als Avantgarde eines aufgeschlossenen Katholizismus verstehen (‚Mit uns zieht die neue Zeit…’), dieses Argumentationsmuster aber ist ein müdes Auslaufmodell des weltlichen Fortschrittglaubens, über das schon ganz andere Avantgardisten gestürzt sind… Christus hat seine Kirche den Aposteln anvertraut und ihren Nachfolgern, den Bischöfen. Wer von den Kirchenvolksreformern wollte sich ernsthaft anmaßen, ihn korrigieren zu dürfen?

Wir möchten im Folgenden die zwei wesentlichen Fehler einer verbreiteten, nachkonziliaren Reformmentalität aufzeigen, die in der katholischen Kirche, ausgehend von der Theologie, nun schon 50 Jahre lang für Verwirrung sorgen:

Das sind, wie bereits angedeutet 1. die Volk-Gottes-Ideologie (auf die sich das Mitbestimmungskonzept bezieht) und 2. die gründlich missverstandene Liturgiereform. Während die erste Fehlentwicklung die Rolle der Laien betrifft, haben im anderen Zusammenhang viele Kleriker und Priester falsche Wege beschritten und das entsprechende Resultat zu verantworten. Beide Fehlentwicklungen basieren auf der Selbstüberschätzung der Moderne.

Um die Hintergründe des Falles ‚Limburg’ ansatzweise zu verstehen, soll nun also streiflichtartig ein halbes Jahrhundert in den Blick genommen werden, die letzten 50 Jahre seit dem Beginn des Konzils! Am Anfang stand eine Illusion:

DER GROSSE IRRTUM

oder: Das Heil kommt nicht von der Moderne

(2) Jahrzehntelang schien es nach dem Konzil (1962 – 1965) und nach 1968 so klar wie nur irgend etwas, dass allein die Anpassung an die moderne Welt der Königsweg einer aufgeschlossenen Kirche sei. Die EKD lässt sich bekanntermaßen in dieser Gewissheit von niemandem übertreffen. Sie folgt ihr aktuell bis in die Abgründe der Gender-Ideologie. Und wie die EKD sehen es ähnlich viele ZdK-Mitglieder und ‚fortschrittliche’ Katholiken, die sich auf den ‚Geist des Konzils’ berufen: die Kirche müsse mit der Zeit gehen… Ihre Gewissheit aber vergisst, so sagen Kritiker, dass das Heil nicht von der Moderne, sondern allein von Christus kommt; denn was ist die Moderne, mit dem Apostel gesprochen, anderes als „die Welt“, die der Christ überwinden soll? Die Welt begegnet dem Menschen immer als eine aktuelle, sie ist immer „modern“, doch morgen schon ‚von gestern’. Es ist schon so, wie ein Graffito den Anhängern des ‚Modernseinwollens’ entgegen hält: ‚Wer mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.’ Das Resultat der kirchlichen Annäherungsbemühungen an den ‚Swing’ der Welt ist allzu oft doch nur läppische „Anpassung“. Mit prophetischem Ernst warnte deshalb Benedikt XVI. den deutschen Katholizismus zum Abschluss seines Deutschlandbesuches (2011) in Freiburg vor Verweltlichung. Der Angemahnte aber winkte sozusagen offiziell ab. „Wir doch nicht“.1 Hierzulande wähnt man sich fest eingespurt auf der Bahn der „Moderne“ und des ‚Geistes des Konzils’. Doch ohne die positiven Seiten einer demokratischen Moderne gleichsam ‚antimodernistisch’ anzuzweifeln, weiß doch jeder Christ: Das Heil kommt mit Sicherheit nicht von der ‚Moderne’. Ihre Abgründe sind zu offensichtlich. Und wie steht es mit dem ‚Geist des Konzils’? Ist er, wie er vorgibt, wirklich identisch mit den Anliegen des Konzils?

Der Geist des Konzils war ein Medienprodukt

(3) Mit notorischem ‚Modernseinwollen’ und mit einer geradezu als ‚Aggiornamento-Besoffenheit’ zu bezeichnenden Euphorie wurden sowohl Papst Johannes XXIII., als auch die Konzilsväter tendenziös fehl interpretiert. Warum? Man wähnte sich im Besitz einer ultimativen Trumpfkarte: Der Widerspruch zwischen Welt und Reich Gottes würde endlich abgebaut, die lästige Weltfremdheit der Kirche überwunden. Dies aber war zu keinem Zeitpunkt akzeptabel, weil so Christus selbst ins Unrecht gesetzt wurde („Mein Reich ist nicht von dieser Welt“). Der letztlich kompromisslose Widerspruch zur Welt war und ist Anlass dafür, dass im Ernstfall Märtyrer bereit waren/sind, lieber ihr Leben zu opfern, als Gottes Wahrheit zu leugnen. Bis heute aber agieren Kirchenkritiker unter diesem (un)heimlichen Postulat einer Überwindung der christlichen Weltfremdheit, ohne zu bemerken, dass sie damit einer stetigen Verweltlichung Tür und Tor öffneten und das Wesen der Kirche massiv beschädigten.

Eine ganz entscheidende Rolle für die nahezu feindliche Übernahme des Konzils durch die heutigen Kirchenkritiker & den Geist des Konzils spielten von Beginn an die Medien. Dies sprach Benedikt XVI. in seiner bedeutendsten Abschiedsrede (an den Klerus von Rom, 14. Februar 2013) an. Mit einem klaren Wort benannte er das ‚virtuelle Konzil’ der Medien, das viel Unheil, viele Probleme, wirklich viel Elend herbeigeführt hat: geschlossene Seminare, geschlossene Klöster, banalisierte Liturgie… und das wahre Konzil hatte Schwierigkeiten, umgesetzt, verwirklicht zu werden… Es gab das Konzil der Väter – das wahre Konzil- aber es gab auch das Konzil der Medien. Es war fast ein Konzil für sich, und die Welt hat das Konzil durch diese, durch die Medien wahrgenommen. Das Konzil, das mit unmittelbarer Wirkung beim Volk angekommen ist, war also das der Medien, nicht das der Väter. Und während das Konzil der Väter sich innerhalb des Glaubens vollzog, ein Konzil des Glaubens war, … entfaltete sich das Konzil der Journalisten natürlich nicht im Glauben… Es war eine politische Hermeneutik… Selbstverständlich haben die Medien für jene Seite Partei ergriffen, die ihnen zu ihrer Welt am besten zu passen schien… Dezentralisation der Kirche … Macht für die Bischöfe und dann – durch das Wort ’Volk Gottes’ – die Macht des Volkes, der Laien.2

 

1 Manfred Lütz hat es im Interview mit Domradio sehr treffend so ausgedrückt: „Ich fand ja die Reaktion der deutschen Kirche damals auf diese Rede schon bemerkenswert. Einige Kirchenvertreter in Deutschland hatten erklärt, Benedikt XVI. habe das gar nicht so gemeint, vor allem habe er nicht speziell Deutschland gemeint. Der Papst rede immer weltkirchlich. Bei einem Interview habe ich dem zugestimmt, denn es sei ja ganz klar: Wenn ein deutscher Papst in Deutschland vor Deutschen auf Deutsch redet, meint er natürlich Nicaragua, das ist sehr naheliegend.“ (http://www.domradio. de/themen/benedikt-xvi/2013-05-24/dr-manfred-luetz-ueber-seine-neue-streitschrift-zur-zukunft-der)

2 Benedikt XVI., Fastenansprache an den Klerus von Rom, 14.2.2013 / Die wahre Erneuerung der Kirche – das Erbe Benedikts XVI., kath.net/news 40393

 

Ist es heute nicht so, dass allzu viele Menschen nahezu alles glauben, was die Medien nur oft genug behaupten und beständig wiederholen? Was in Vergessenheit geriet: Die Macht der Medien diente in der Vergangenheit keineswegs nur aufklärerischen Zielen. Im Gegenteil. Ihre absichtsvolle oder beiläufige Einflussmöglichkeit durch Massenpropaganda haben gerade die großen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts hellsichtig erkannt und zum Unheil der Völker – bis zum Fall der Berliner Mauer – zu nutzen verstanden. Doch kam danach etwa die Zeit der großen medialen Redlichkeit? Wird der Mediennutzer heute weniger manipuliert? Von der allgegenwärtigen Konsumpropaganda ganz abgesehen, macht sich In der demokratischen Gesellschaft unserer Tage, wie es scheint, unter dem Signum der politischen Korrektheit (die hartnäckig mit Moral verwechselt wird) eine geradezu naive Mediengläubigkeit der sogenannten ‚Gutmenschen’ breit, die in dem Maße wuchs, wie der massive Medien- bzw. Fernsehkonsum ein „einheitliches Denken“ prägte (-so bezeichnet Papst Franziskus dieses medial produzierte Übel). Schon 1965 ging es nicht wesentlich anders zu. Geistliche wie Laien der Generation ‚Geist des Konzils’ nahmen das virtuelle Konzil als das tatsächliche. Das kam der allgemeinen Stimmung entgegen und war erheblich einfacher, als die Konzilstexte selbst zu studieren oder gar, sie anzuwenden. Statt bewusst und verantwortlich durch die enge Pforte in eine neue Weite zu pilgern, stürmte man euphorisch, sozusagen ‚im Saft’ verbreiteter Wunschvorstellungen, voran auf dem breiten Weg. Viele haben ihn bis heute nicht verlassen. Die negativen Folgen für Konzil und Kirche waren, wie der emeritierte Papst feststellte, immens. Und damit zu den beiden eingangs angesprochenen Denkfehlern der nachkonziliaren Reformmentalität: Volk-Gottes-Begrifflichkeit (eine neue Theologie?) und Liturgiereform, bzw. das, was aus ihr gemacht wurde. Seit 50 Jahren bewirkt ein genau hier zu verortendes Doppel-Missverständnis jene fundamentale Schieflage der Generation-Geist-des-Konzils, die – je länger, je mehr – die heute nicht mehr zu kaschierende, dramatische Notlage der Kirche herbei führte.

 

1. DIE VOLK-GOTTES-IDEOLOGIE:
1.1. „Mit uns zieht die neue Zeit“

(4) Die Volk-Gottes-Begrifflichkeit des Konzils hätte innerkirchlich vermutlich nicht so folgenschwer falsch (nämlich politisch) verstanden und angewendet werden können, wenn nicht aus den Tiefen der gesellschaftlichen Verhältnisse ein wirkmächtiger Faktor in diesen Jahren hinzu gestoßen wäre, die allgemeine Kulturrevolution der 60-er Jahre. Was auf den ersten Blick wenig mit Kirche oder Bistum zu tun hatte, muss gerade zum Verständnis der nachkonziliaren Entwicklungen angesprochen werden, denn es geht, wie schon beim umjubelten Konzils-Aggiornamento, um den Geist oder besser: das Fluidum einer (vorgeblich) neuen Zeit.

Die neuen 60er-Töne wirkten auf die junge Generation wie die Magie des legendären Rattenfängers von Hameln: Mit einem Mal war alles veraltet, was kirchliche oder auch bürgerliche Kulturträger den Jungen anboten; die zuvor noch blühende Jugendarbeit katholischer Verbände zum Beispiel, kam gegen die Konkurrenz der neuen, frech-kreativen Jugendkultur (‚Subkultur’) nicht mehr an. Zu Beginn war es vor allem die Musikszene, deren elektronische Sounds und Gitarrenriffs Jugendliche aus der Tradition wie aus einer zu eng gewordenen kleinen Stadt auf Nimmerwiedersehen herauslockten, englische Bands, holländische Provos und Gammler, später Hippies, Flowerpower und ‚bewußtseinserweiternde’ Drogen. Es ist davon auszugehen, dass genau hier jener Prozess in Gang kam, der einen entscheidenden Traditionsabriss bedeutete, indem die jungen Generationen sich fortan mit den diversen Jugendszenen identifizierten und für kirchliche Angebote nicht mehr offen waren; ein wesentlicher Beitrag zum Ende der Volkskirche.

Ab Mitte der 60er verschärfte sich der Generationenkonflikt. Denn zur hedonistischen Subkultur hinzu kamen schwerwiegendere Faktoren – mit der sogenannten ‚sexuellen Revolution’ und dramatischen, öffentlichen Verurteilungen der Kriegsgeneration durch die Jüngeren (Holocaust, Schuldfrage, NS-Mitläufertum). Das waren Konflikte, die einen scharfen Keil zwischen die Generationen trieben. Sie vermochten die nach Hitlerzeit und Weltkrieg nur scheinbar so festgefügten, biederen Verhältnisse der 50er-Jahre-Gesellschaft noch im kleinsten Dorf zu erschüttern. 1968 gewann diese Entwicklung fast revolutionären Charakter durch zahllose antiautoritäre Aktionen 3 und immer radikalere Politisierungswellen vor allem in den Universitätsstädten, die im berufsrevolutionären Kampf meist studentischer „K-Sekten“ 4 und schließlich im ‚Deutschen Herbst’ des blutigen RAF-Terrors gipfelten (1977). Die Werte der Vätergeneration, auch die der katholischen Väter in den Pfarrgemeinden 5 (von den Müttern war im Gestus der Gesellschaftskritik eigentümlicherweise nie die Rede) erschienen großen Teilen der jungen Generation danach restlos unglaubwürdig. Mit ihnen schwand übrigens auch das identifikationsstiftende männliche Leitbild für Jugendliche, was eine immer stärkere Feminisierung und Homosexualisierung, heute Genderisierung der heranwachsenden Generationen nach sich zog. Der Exodus eines Großteils der Jungen aus der Kirche, wie aus den ‚bürgerlichen’ Konventionen, begann. In letztere fand man mit den Jahren seines beruflichen Fortkommens ansatzweise zurück, nicht aber in die Kirchenbänke.

Vor diesem durchaus dramatischen gesellschaftlichen Hintergrund also muss die konkrete Aufnahme und Umsetzung des Konzils in den Jahren nach 1965 betrachtet werden, veränderte die 68er-Kulturrevolution die kirchlichen Milieus doch ebenso stark, wie sie alle anderen sozialen Milieus veränderte6. Den kirchlichen Ansatzpunkt für den aufrührerischen Zeitgeist bot vor Allem die neue Rede des Konzils vom ‚Volk Gottes’. Parallel zur studentischen Gesellschaftskritik nämlich erwärmte eine romantisch-revolutionäre ,Volk-Gottes’-Theologie’ mächtig die Vorstellungen der studentischen Generation junger Katholiken in den Hochschulgemeinden: Wie die Israeliten aus Ägypten sahen sie sich aus der Knechtschaft hierarchischer, männlicher Kirchenpharaone und ihres römisch-kryptischen Pyramidenkultes ins Gelobte Land der mündigen Selbstbestimmung aller Kinder Gottes ziehen („Mit uns zieht die neue Zeit“ sangen derweil die Genossen). Da würde man nicht mehr auf die autoritären ‚gesalbten Hirten’ angewiesen sein’, welche die Herde Christi in der ‚Vollmacht’ der Apostel zu leiten vorgaben –wie überholt! (und analog zum juristischen „…Muff von 1000 Jahren“ als solcher zu entlarven). „Apostolische Sukzession“? Das war doch nur ein höchst verdächtiges Herrschaftsinstrument, dessen Zeit abgelaufen war. Geistunmittelbar (!) würden Laien ‚mündig’ werden; Mitbestimmung war angesagt.

 

3… die z.B. Professor Josef Ratzinger 1969 dazu bewegten, fluchtartig die Uni Tübingen zu verlassen…

4 z.B. dem KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), der vom Verfassungsschutz beobachtet wurde und unter den Radikalenerlass fiel. Ihm gehörten pikanterweise viele der heute führenden Grünenpolitiker an, etwa Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident in Stuttgart, der nur mit Mühe in den Staatsdienst kam. Er ist heute u.a. auch Mitglied im katholischen Zentralkommitee, was ihn nicht hindert, genderfreundliche Schulpolitik zu betreiben.

5 Die Beispiele katholischen Widerstands gegen das NS-Regime, die Namen couragierter und (liquidierter) Kleriker wie Laien, für die es mittlerweile zahllose Belege gibt, wurden von PARDON, SPIEGEL, STERN & Co systematisch verschwiegen (woran sich bis heute nicht viel geändert hat).

6 Nicht zuletzt kam der Kirche nahezu die gesamte, zuvor kirchlich sozialisierte Generation und von ihr geprägte weitere Generationen, so weit sie in „68“ involviert war, abhanden. Sie blieben es weitgehend bis heute.

 

1.2 Kirche verändern…

Während ‚Basisgruppen’ und progressive Gemeinden experimentell neue Wege propagierten (I), begann mit den Anfängen des Gremienkatholizismus in den 70er Jahren ein struktureller Mitbestimmungskurs innerhalb der Institution Kirche (II), für den man heute, nach der erfolgreichen Bischofsvertreibung in Limburg und angesichts anstehender Bischofswahlen in anderen Diözesen, neue Morgenluft wittert.

(I) Katholische pressure groups (Basisgruppen) setzten Ende der 70er plakative Maßstäbe: „Kirche lebt von unten – Gemeinden werden mündig“ – so lautete z.B. im März 1981 der programmatische Titel einer im deutschen ‚kritischen Katholizismus’ weithin beachteten basiskirchlichen Großveranstaltung in Frankfurt. Im Anschluss konstituierte sich die sogenanne „Ikvu“, die „Initiaive Kirche von unten“. Sie ging unmittelbar dem ersten „Katholikentag von unten“ in Berlin (1981) voraus, gab ihm programmatisch den „von-unten“-Topos vor.8 Die ‚Basis’ hob Anfang der 80er-Jahre an, deutschlandweit den ‚kirchlichen Überbau’ zu bedrängen. Später sollten der Initiative Kirche von unten die vielen Kirchenvolksbewegungen, Wir-sind-Kirche-Gruppen oder Ungehorsams-Initiativen folgen.

Am Rande anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass sich damals Kirchenkritik in Nachbarländern wie Österreich oder Schweiz noch auf viele Jahre hin im Tiefschlaf befand. Heute wähnt man sich dort an vorderster Front eines kühnen Kirchenkampfes, der doch in Wahrheit nichts anderes als ein schwächliches Abbruchunternehmen darstellt. In einer postchristlichen Öffentlichkeit, welche der katholischen Kirche ohnehin immer konsequenter einen Platz im gesellschaftlichen Abseits zuweist, setzt dieser ‚Kirchenkampf’ wahrlich keine Zivilcourage mehr voraus. Es braucht heute erheblich mehr Courage, sich öffentlich als gläubiger Katholik zu bekennen, als im Gestus des (medial gefeierten) Kirchen-Robin-Hood aufzutreten.

(II) Im Bistum Limburg fand während der 70er-Jahre die institutionelle Variante der Volk-Gottes-Initiativen einen stärkeren Niederschlag, als in anderen deutschen Diözesen. Unter Bischof Kempf (Konzilsteilnehmer als Untersekretär) und seinem Weihbischof Kampe entstand eine Gemeindetheologie oder -ideologie, die –forciert von der Katholischen Aktion- auf weitgehende Mitbestimmung der Laien in der Kirche drängte. Nachdem erste Konzepte noch an Bischof Kempf und kirchenrechtlichen Bedenken abprallten, fand sich eine Kompromisslösung mit dem ‚Limburger Synodalen Weg’ und seinen Gremien, d.h. mit einer liberalen Synodalordnung und einer noch liberaleren Synodalpraxis. Schwerwiegende kirchenrechtliche Vorbehalte wurden auf dem Weg der Festschreibung dieser Synodalordnung mit Hilfe vieldeutiger Formulierungen stets erfolgreich vernebelt und verdrängt, worauf Kardinal Brandmüller in einem Beitrag zum Limburger Bischofsstreit hinwies.9

Wir sprechen bezüglich der institutionellen Kirchenveränderer und ihrer synodalen Konzepte beileibe nicht von ‚revolutionären’ Ideen, sondern von tendenziell biederen Strukturen der Parteiendemokratie, die –wenn es nach dem Willen der Limburger Synodalen geht- noch konsequenter als bisher in der Kirche implementiert werden sollen. Wir sprechen vom „Format Limburg“. Wenngleich diesem Format jeder Glanz fehlt, ist es doch geeignet, die Kirche nachhaltig zu verändern, sie in ihrem Kern zu profanieren und zu protestantisieren.

Bischof Franz Kamphaus, der Nachfolger Wilhelm Kempfs, war sicher in vieler Hinsicht ein guter Bischof; seine ‚Schwierigkeiten mit Rom’ jedoch sind ein eigenes, nach unserer Überzeugung sehr dunkles Kapitel, das den Rahmen dieser Überlegungen sprengen würde; es soll hier nicht weiter behandelt werden. Die Anti-Rom-Stimmung aber, die im Klerus des Bistums ebenso verbreitet (und zu beklagen) ist, wie in den Reihen der Haupt- und Ehrenamtlichen, hat er als Bischof als erster zu verantworten. Dabei wäre es seines Amtes gewesen, in Übereinstimmung mit dem Papst der Hüter der Einheit zu sein (Lumen Gentium10).

Bischof Kamphaus setzte den gemeindetheologischen bzw. -ideologischen Aufbruch seines Vorgängers fort, z.B. mit dem Projekt „Pastoral nach ‚85’. Er suchte die Nähe zum Gläubigen (-was übrigens auch Bischof Tebartz pflegte11). Eine bedenkliche Folge seiner durchaus sympathischen ‚mitmenschlichen’ Orientierung12 war dabei allerdings das Verdrängen des Sakralen. Seine eigenen Gottesdienste waren keine Bischofs-, sondern Gemeindeliturgien, ohne die besondere Sakralität, wie sie gerade Pontifikalämtern zukommt; sein liturgischer Auftritt als Bischof war zurückhaltend. Dabei leitet sich die Liturgie ausdrücklich von der feierlich-ernsten Bischofsliturgie als der eigentlichen Messform ab, nicht umgekehrt. – Für das Bistum hatte das Konsequenzen. Was ein Franz Kamphaus noch durch seine Persönlichkeit, besonders mit seiner anerkannten Predigerbegabung auszugleichen vermochte, geriet in den Pfarreien allzu oft zur Zerrform der Heiligen Messe; bemühtes ‚Menscheln’ verdrängte dort allzu oft das Heilige und brachte das Elend der im Folgenden noch anzusprechenden, dramatischen Banalisierungen der Liturgie hervor. Auch dafür muss Bischof Kamphaus gerade stehen.

 

8 Der Autor war selbst in diese Aktivitäten involviert; insofern versteht er sich u.a. als Zeitzeuge.

9 In „Die Tagespost“, 1.2.2014, „Limburg: Eine Geschichte mit Vorgeschichte“. Die Rede ist von immer wieder unternommenen Versuchen, „Einwände weniger durch sachliche Korrekturen als durch Formulierungskompromisse zu entschärfen, …obwohl eindeutige kanonische Straftatbestände gegeben waren, die entsprechende kanonische Maßnahmen erfordert hätten.“ Die Leichtfertigkeit, mit der Kardinal Brandmüllers Beitrag von Generalvikar Rösch in seinem Gespräch mit der Laieninitiative am 10.2.2014 abgetan wurde, entspricht durchaus dieser 50-jährigen Tradition im ‚Geist von Limburg’.

10 LG 22: „ Das Kollegium oder die Körperschaft der Bischöfe hat aber nur Autorität, wenn das Kollegium verstanden wird in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger Petri…“ und LG 23:“Alle Bischöfe müssen nämlich die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen…“

11 Dieser Tage erzählte ein ehemaliger Messdiener, dass Kamphaus mit den Messdienern nie ein Wort gesprochen hat. Ganz anders als sein Nachfolger. Dass Kamphaus mit ihnen – wie Tebartz – Eis essen gehen würde, sei völlig undenkbar gewesen. – Die Wirklichkeit ist eben oft ganz anders, als interessierte Kreise die Öffentlichkeit glauben lassen wollen.

12 …sie wurde von den Medien regelmäßig gegen den angeblich zurückhaltenden Nachfolger Franz-Peter ausgespielt, was, s.o., von sehr vielen Gläubigen ganz anders gesehen wird…

 

1.3. Boff & Co

(5) Zum Erfolg der Demokratisierungskonzepte in der nachkonziliaren Kirche trug entscheidend bei, dass die kirchlichen Bewegungen der 70er und 80er Jahre stark von der südamerikanischen Befreiungstheologie beeindruckt waren, die mit ihrer Version einer Volk-Gottes-Theologie den Anspruch erhob, ‚Kirche der Zukunft’ sichtbar zu machen. Deren medienwirksame Verkörperung, geradezu als Ikone der jungen Generation kritischer Katholiken in Deutschland gefeiert, war Ernesto Cardenal, Priester und „Poet“ aus Nicaragua. Die „Sandinistische Revolution“, an der er als Marxist teilnahm, erhob ihn zum Kultusminister der Revolutionsregierung. Sein Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ errang in linkskatholischen Kreisen fast den Status eines 5. Evangeliums, predigte es doch einen „sanften Marxismus“. Es brachte Cardenal überdies 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ein und machte ihn endgültig zur Identifikationsfigur der Linken in Deutschland.

Der kirchliche Bruch mit ihm deutete sich 1983 an, als Papst Johannes-Paul II. Nicaragua besuchte. Es kam zu einer spektakulären Szene: der Stellvertreter Christi drohte dem zur Begrüßung angetretenen Kultusminister, Priester und Poeten vor aller Welt mit dem Zeige-finger. Cardenal hatte zuvor mit emporgereckter Faust „Es lebe die Revolution!“ gerufen. Rom forderte ihn in den nächsten Jahren auf, sein sandinistisches Ministeramt als Priester niederzulegen. Da er sich weigerte, wurde Cardenal 1985 schließlich vom Priestertum suspendiert.
Der entschiedene Einsatz der Befreiungstheologen für die Unterdrückten hatte ihnen zwar weltweit viel Sympathie eingebracht, ihre starke Betonung des Gerechtigkeitsthemas zu-sammen mit dem Einsatz für den politischen Befreiungskampf überschnitt sich jedoch, wie im Fall Cardenal, zunehmend mit sozialistisch-militantenen Befreiungstheorien und -strategien (Gewaltfrage), was dazu führte, dass schließlich sogar Geistliche zum bewaffneten Kampf aufriefen. In dieser Phase war die Befreiungstheologie von der lateinamerikanischen Bischofkonferenz bereits 1979 als marxistischer Irrweg verurteilt und schließlich von Papst Johannes-Paul II. mit Hilfe Kardinal Josef Ratzingers in den betreffenden Aspekten verworfen worden (1984, ‚Libertatis Nuntius’). Die Zurückweisung galt in keiner Weise der ‚Option für die Armen’ bzw. den gewaltfreien Initiativen gegen strukturelle Armut. Übrigens wandte sich auch der heutige Papst als Erzbischof von Buenos Aires entschieden gegen die Thesen der marxistischen Theologen und widersetzte sich seinen Mitbrüdern im Jesuitenorden, die sich Leonardo Boff und Gustavo Gutierrez angeschlossen hatten. Die Folge war ein bis heute anhaltendes Ressentiment von Teilen des Jesuitenordens in Lateinamerika gegen Bergoglio.
Täglich jedoch demonstriert Papst Franziskus heute die unmittelbare, persönliche Konsequenz der gewaltfreien Option für die Armen…

1.4 Theologischer Irrweg im Geist der 68er

(6) „Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
 wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
 erst dann die Herrschaft der Herren
, erst dann die Knechtschaft der Knechte, 
vergessen wäre für immer…“, so ein 70er-Kirchenlied der „Kirche von unten“. „Heute, ja heute schon…“ wird für Gerechtigkeit gesorgt, Herrschaft durch Volksherrschaft ersetzt (?), wird der Himmel auf die Erde geholt (es klingt sozialistisch-bekannt). Also Volk Gottes gegen Hirtenamt? Kirche von unten gegen Kirche von oben? Brüderlichkeit statt Amt? – In dieser vehementen Attitüde gegen ‚Herrschaft’ war das einerseits ein sozialistischer, andererseits aber ein urprotestantischer Traum, von Reformatoren oft genug geträumt. Die kirchliche Alternative zur Hierarchie sollte, ungeachtet der apostolischen Gründung der Kirche durch ihren Herrn, das geistunmittelbare allgemeine Priestertum sein. Dem Traum jedoch folgte in der Realgeschichte protestantischer Konfessionen keineswegs Utopia, ihm folgte Spaltung auf Spaltung, Ausgrenzung auf Ausgrenzung und im Übrigen sollten die Kirchen dort -bis auf diejenigen der Freikirchen- bald noch leerer sein, als die unseren…

Die einfache Wahrheit, dass ‚Volk Gottes’ katholischerseits niemals in Opposition zu den Hirten verstanden werden kann, wurde in der 68er-Variante schlichtweg ausgeblendet. Dabei hätte ein Blick auf die Schrift den klaren Sachverhalt aufgezeigt: Wie Moses das Gottesvolk als berufener Hirte leitete, so waren es nach ihm die Richter, Propheten und Könige des Alten Bundes, die das christliche Hirtenamt der Apostel und Bischöfe, vom Herrn begründet, bereits antizipierten. So war es im Alten, so bleibt es im Neuen Bund, für den bis ans Ende der Zeiten die Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia steht. So das Nizänokonstantinopolitanum (381 n.C.), das berühmte Konzil, welchem wir und alle christlichen Kirchen das Große Glaubensbekenntnis verdanken, hinter das kein Schritt zurück denkbar ist. Wer es nicht annehmen mag, der lasse es – er verdrehe aber nicht die Lehre der Kirche. Das Hirtenamt ist konstitutiv, eine synodale Gremienkirche an seiner statt hat der Herr nicht vorgesehen.

Das Konzil verband mit dem Topos vom Volk Gottes die Aussage, dass es keine Einzelchristen gibt. Es wendete sich gegen die gewollte Kirchenferne elitärer Christenmenschen. Gott beruft sich ein Volk. Glaube ist nie eine Sache der individuellen Auslegung, distanziert von Kirche und ‚Plebs‘, sondern- und das ist die Sinnspitze des Begriffes – er geschieht immer innerhalb eines größeren Bezugrahmens – des Volkes Gottes eben.

(7) Die Volk-Gottes-Ideologie in der Version der Befreiungstheologen, die sich in der nachkonziliaren Ära kirchenfremde Ideologien aneignete um die Kirche zu reformieren, hat keine Zukunft. Clodovis Boff beispielsweise, Priester und Bruder des bekanntesten Befreiungstheologen Leonardo Boff, dessen Überzeugungen er damals teilte, geht heute auf Distanz zu marxistisch orientierten Befreiungsbewegungen und linker Schwarmgeisterei; er sagte jüngst in einem Interview der brasilianischen Tageszeitung FOLHA DE SAO PAULO: „In den 70er Jahren entzog mir Kardinal Eugenio Sales die Lehrerlaubnis für Theologie an der Katholischen Universität von Rio. Sales erklärte mir auf liebenswürdige Art: ‚Clodovis, ich denke, Du irrst Dich. Gutes tun genügt nicht, um Christ zu sein. Das Zentrale ist, den Glauben zu bekennen…“ Er hatte recht. Tatsächlich wurde die Kirche für uns irrelevant. Und nicht nur sie, auch Christus selbst.”

(8) Die gesunde Volk-Gottes-Lehre unserer Kirche, die immerhin als einzige Institution dieser Welt 2000 Jahre überdauerte, ist ohnehin eine andere. Sie umgreift über die heute statistisch gültigen Mitgliederzahlen hinaus die ‚Gemeinschaft der Lebenden und der Toten’, ganz besonders der Heiligen. Ihnen allen schulden wir Verbundenheit, Kontinuität und Loyalität! Die Lehre unserer Kirche versteht das ‚Volk Gottes’ aber keineswegs –woran auch 1968 nichts änderte- als einen demokratischen Verein, der selbst im Abstimmungsmodus über Wahrheiten entscheidet und geistliche Vollmachten verleiht, vielmehr kommt im Volk Gottes, nach göttlichem Wille von Hirten geleitet, alle Wahrheit und Vollmacht von Gott. Hinzu kommt eine weitere Unterscheidung: ‚Volk Gottes’ ist nur eine von drei notwendigen Wesensbestimmungen von Kirche.

„Das Wesen der Kirche … ist VOLK GOTTES, sie ist eine HIERARCHISCHE INSTITUTION, sie ist aber auch der MYSTISCHE LEIB JESU… Jede dieser Formen bringt einen Teil des kirchlichen Wesens zum Ausdruck, alle miteinander stellen das ganze Wesen der Kirche dar. Deshalb dürfen die einzelnen Formen der Kirche nicht für sich allein gesehen werden. Sie dürfen aber auch nicht gegeneinander ausgespielt werden.“13

‚Volk Gottes’ darf nicht gegen ‚hierarchische Institution’ ausgespielt werden. Die Gültigkeit dieser Aussagen werden die Synodalen und ihre Vorkämpfer im Bistum Limburg noch bitter wiedererlernen müssen, nachdem sie zuvor den Flurschaden, den sie anrichteten, zur Kenntnis zu nehmen haben.

Die Mahnung zur Einheit betrifft aber nicht nur übereifrige Reformer oder zeitgeistige Oppositionsgruppen, sondern ebenso autoritäres Dominanzverhalten der Kirchenleitung und des Klerus. Auch die Kirchenleitung darf nicht über das Volk oder die Priester herrschen, sondern muss ihnen dienen (vgl. Mt 20,26-28; Joh 13,3-8). – Ohne die Glaubensrealität des MYSTISCHEN LEIBES CHRISTI schließlich blieben VOLK GOTTES und HIERARCHIE als Institution nichts anderes, als eine weitere Nichtregierungsorganisation zu wohltätigen Zwecken. Zusammen mit Jesus bilden sie auf geheimnisvolle Weise einen Leib (mystischen Leib): Christus ist das Haupt, die Gläubigen sind die Glieder…“14

 

13 Dr. Dr. Dr. Peter Egger, Die Begründungen des katholischen Glaubens, Phil.Theol. Hochschule Be-nedikt XVI., Heiligenkreuz, Österreich.

14 Dr.Dr.Dr. P. Egger, a.a.O., S. 179

 

2. Das Missverständnis „Liturgiereform“
2.1. Verweltlichung in der Kirche

Hier muss auf den zweiten Aspekt eingegangen werden, der den Niedergang des katholischen Glaubenslebens im Bistum wie kein anderer zu verantworten hat. Die Bereitschaft zur Selbstkritik der betroffenen theologischen, priesterlichen bzw. hauptamtlichen Verantwortungsträger hält sich jedoch, gelinde gesagt, noch sehr in Grenzen. Ein Umdenken, mehr noch: Umkehr tut Not!

(9) Die ausgesprochen ironische, ja sogar tragische Seite des Limburger „Protz-Skandals“ besteht in seinem sozusagen ‚doppelten Verweltlichungs-Bezug’. Einerseits war es der Verweltlichungsvorwurf „Protz“, mit dem man Bischof Tebartz-van Elst zu stürzen vermochte, andererseits aber engagierte gerade er sich gegen innerkirchliche Verweltlichungsvorgänge im Bistum, die –nicht nur aus seiner Sicht- unbedingt zu bekämpfen sind.

Ihm ging es freilich um Verweltlichungsvorgänge, die subtiler, in ihrer Wirkung aber weitaus folgenschwerer für die Kirche sind, als Geldverschwendungen. Es soll an dieser Stelle betont werden, dass es dabei keineswegs um ein Limburg-spezifisches Problem geht. Die nun anzusprechenden Missstände sind flächendeckend, hier mehr, dort weniger… in der Landschaft des deutschen Katholizismus zu beklagen. Wie kaum ein anderer Bischof aber suchte Tebartz-van Elst seine Priester und Hauptamtlichen aus einer jahrzehntelangen pastoralen Verflachung heraus zu führen. Es gelang ihm jedoch nicht, sie für diese substantielle Revision zu motivieren. Genau hier verläuft andererseits die Ungehorsams-Bruchlinie, auf die noch eingegangen werden soll.

Ein beträchtlicher Teil des Limburgpersonals nämlich, vom Domkapitel über den Priesterrat bis zu den Synodalen, versagte ihm an den Schwachpunkten der Pastoral, die er nach der Lehre der Kirche (und den Maßstäben der Weltkirche) verbessern wollte, die Gefolgschaft. Zu hart erschien ihnen sein Durchgreifen. Wer sie kennt, mag hier an die Konfliktgeschichte Benedikt von Nursias mit disziplinunwilligen Mönchen denken, die -wie Papst Gregor der Große berichtet- nicht einmal vor einem Giftanschlag gegen ihn Halt machten, so rasend vor kollektiver Ablehnung machten sie seine Eingriffe ins tägliche Klosterleben… Wie geschickt oder ungeschickt Bischof Tebartz vorgegangen ist (und evtl. vorgehen musste?), wie gewinnend oder konfrontierend die Maßnahmen des Bischofs waren, ist eine andere Frage.

Zweite Limburg-These: Nicht erst seit „Hofheim“, sondern schon lange bevor die „Protzresidenz“ ins Spiel gebracht wurde, baute sich die entscheidende kirchenpolitische Front gegen den Bischof, gegen seine amtlichen Eingriffe auf. Seine klerikalen und hauptamtlichen Kritiker fanden seine Maßnahmen, was wesentlich war, DEM INHALTE NACH überzogen, vorkonziliar und überlebt. Ob sie es tatsächlich waren, ist die Frage; doch einen fahrenden Zug kann wohl nur ein Herkules auf andere Gleise setzen, ohne selbst überrollt zu werden…

In einem ganzseitigen Interview benutzte ein Bischofsgegner beispielsweise das drastische Bild einer ‚Eisenkralle im Samthandschuh’, um den höflich auftretenden Bischof bezüglich seiner spürbaren Reformeingriffe ins Alltagsleben seiner Kleriker und leitenden Hauptamtlichen zu ‚demaskieren’. Ist dies nicht ein deutlicher Hinweis auf nahezu unkontrollierte Emotionen Betroffener, die sich nur noch mit allen Mitteln wehren wollen vor einem, der ans ‚Eingemachte’ geht, – siehe Benedikt von Nursia? Offensichtlich ging es ums ‚Eingemachte’. Und genau deshalb versuchen seine Gegner heute alle Maßnahmen seiner Amtszeit rückgängig zu machen, was die schlimmste anzunehmende Folge des Bischofsstreits wäre (siehe ‚Strategiepapier „Zum künftigen Weg des Volkes Gottes im Bistum Limburg“, Vorstand des Stadtsynodalrates Frankfurt, Mai 2014). Solche Bestrebungen dürfen nicht weiter betrieben werden, wenn „Kirche“ in unserem Bistum noch katholisch bleiben will. Man kann nicht den Kranken heilen, indem man den Arzt, der die Krankheit diagnostizierte, vertreibt und dann auch noch seine Diagnose verwirft. Keine ernste Krankheit wird dadurch geheilt, dass man sie schlichtweg bestreitet.

(10) Bischof Tebartz-van Elst stand aber mit seinem Befund, anders als seine Kritiker glauben machen, nicht alleine. Nicht wenige Priester des Bistums, Ordensleute (gerade auch nichtdeutsche Priester und Ordensleute), Hauptamtliche und viele Gläubige teilen entschieden sein Werben für authentischere Katholizität, die aus ihrer Sicht mitten in der Kirche, also von innen, bedroht ist wie lange nicht mehr. Sie sind heute sozusagen die Kritiker der Kritiker.

Um ihren (unseren) grundsätzlichen Ansatz zu verstehen, ist es unerlässlich, das konkrete Gesicht der Kirche vor Ort, in den Pfarreien und Kirchorten kritisch zu analysieren, gibt es doch in vielen Pfarreien seit Jahrzehnten eine Unzahl fragwürdiger Neuerungen, die den Kern des Richtungskampfes markieren – wie in den anderen Bistümern auch.

 

2.2. Verstümmelung und Banalisierung des Sakralen

(11) Das betrifft eine Unzahl kleinerer oder großer Banalisierungen und Missbräuche bei Liturgie, Sakramenten, Sakramentalien und Lehre, mit denen sich Pfarrer und Pastoralteams zu Unrecht auf das Konzil berufen. – Parallel zu diesem Befund beobachtet man seit Jahren andererseits/anderenorts eine allmählich stärker werdende Gegenbewegung, der es um Besinnung auf die authentische Kirchlichkeit geht, verbunden mit Wiederaneignungen vernachlässigter oder fast schon vergessener Glaubenserfahrungen (Beispiele: Eucharistische Anbetung, Wiederentdeckung der Beichte, Evangelisierung usw.). Zwischen diesen beiden Strömungen kann von einem (noch) verdeckten Richtungskampf gesprochen werden. werden

Die Banalisierungen betreffen an erster Stelle die Sakramentenpraxis, also das absolute „Kerngeschäft“ der katholischen Kirche, um es profan auszudrücken. So werden wesentliche Glaubenserfahrungen nicht mehr oder nurmehr bruchstückhaft vermittelt, wie etwa die persönliche Beichte, die in vielen Pfarreien durch ‚Bußgottesdienste’ ersetzt wurde, falls diese überhaupt noch stattfinden. Kommunion- und Firmvorbereitungen lassen vielerorts das Wesentliche zu kurz kommen, wo die kind- bzw. jugendgemäße Ernsthaftigkeit der Glaubensvermittlung fehlt. Die notwendige kirchliche Vorbereitung gläubiger Paare auf den sakramentalen Lebensbund in Treue, der den Bund Gottes mit seinem Volk abbildet, erfordert gerade in Zeiten scheiternder Ehen eine intensive Katechese; wird sie angeboten? Auch die Taufe verkam zunehmend zur kirchlichen Garnierung eines Familienfestes, bei dem der Nachwuchs gefeiert wird. Das vergessene Sakrament schlechthin ist die Krankensalbung, jenes ‚finale’ Sakrament, das dem Christen bei seiner letzten Reise helfen soll, das ihm angesichts des nahenden Todes beistehen, Mut machen und seinen zuversichtlichen Glauben stärken soll. Wo wird sie noch praktiziert?

Man vernachlässigte weiter viele existenziell zur katholischen Glaubensgestalt gehörende kirchliche Praktiken (Sakramentalien), z.B. Wallfahrten. Zu beklagen ist ganz besonders die Umgestaltung der Sakralräume zu kahlen Versammlungsräumen mit schwächlichem Sakraldekor, wo obendrein der Tabernakel – das ‚Zelt’ des anwesenden Gottes- in einen Winkel verbannt ist. Zu beklagen ist der Verzicht auf vielerlei Sakralgerät, auf Symbole und den Erkenntnis-, Erfahrungs- und Erlebnisverlust all dessen, was sie beinhalten. Im Zuge nachkonziliaren Übereifers15 wurde allzu vieles weitgehend entwertet und entsorgt. Als Beispiel sei die Monstranz genannt, deren Einsatz bei Eucharistischen Anbetungen mittlerweile in vielen Pfarreien völlig unbekannt ist,16 wie man im ‚Jahr des Glaubens’ etwa in Frankfurt feststellen musste, als Pfarreigemeinderäte zur Beteiligung an einer zentralen, 40-stündigen Anbetung angefragt wurden. Gerade dieser Tage, vor Ostern 2014, hat Papst Franziskus erst wieder zum verstärkten Praktizieren der Eucharistischen Anbetung aufgerufen; haben das all jene auch nur registriert, die ihn unentwegt vor manchen Reformkarren spannen möchten?

Der schwerwiegendste Substanzverlust aber betrifft die Heilige Messe selbst, das Herzstück des Glaubenslebens. Sie wurde landauf, landab zum Experimentierfeld vieler ‚kreativer’ Pfarrer, die sie nicht mehr in der angemessenen Weise „lesen“, indem sie statt der wundervollen, unübertrefflich tiefen Texte des Messbuches unerlaubt ihre dürftigen Eigenkreationen vortragen („Ringbuchmessen“), die improvisieren oder verpflichtend vorgesehene Teile einfach weglassen. Mit dem ebenso eingängigen wie dummen Motiv, „näher am Menschen“ bzw. „moderner“ sein zu wollen, wird das Heiligste banalisiert, wird bis heute das klare katholische Profil verwischt, werden zentrale Lehren der Apostel,17 aber auch des Konzils18 und die Lehre der Kirche oft eindeutig verletzt. Jüngste Sumpfblüten in der Kette der Banalisierungen und Missbräuche sind liturgische Kreationen mancher Pastoralreferentinnen, die es danach drängt, liturgisch-kreativ gewandet neben dem Priester am Altar die Priesterin zu mimen – emanzipatorisch motivierter Missbrauch des Heiligen. Trivialisierung bzw. Entsakralisierung ist der Befund, breitester Glaubensschwund das Ergebnis.

 

15 Siehe „Häresie der Formlosigkeit“, Martin Mosebach, Wien/Leipzig 2002. – Man muss kein ‚Tridentiner’ sein, um diese Häresien zu beklagen.

16 Bezeichnenderweise tragen Tausende von Jugendlichen die Monstranz wieder in die Anbetungsmitte der katholischen Gotteshäuser (Nightfever), – eine neue ‚deutsche’ Jugendbewegung, von der man ohne Sentimentalität sagen kann, dass sie mittlerweile weltweit in katholischen Kreisen von sich reden macht!

17 z.B. Röm 12.2 „Macht euch nicht der Welt gleich.“

18 z.B. lehrt SACROSANCTUM CONCILIUM eindeutig, dass Priestern eigenmächtig keinerlei Experimente mit der Messform erlaubt ist (Pastoralrefent/inn/en, möchte man hinzufügen, schon gar nicht). Das Ge-genteil ist gängige Praxis, als ginge es darum „Kreativität“ beweisen zu müssen.

 

2.3. Verantwortlich, doch uneinsichtig

(12) Zugleich aber gerieren sich die Verantwortlichen solcher verfehlten Praktiken, Pfarrer und Hauptamtliche, in der Attitüde von Vollstreckern der Liturgiereform und des Konzils. Und sie geben sich kritischen Fragen Gläubiger gegenüber in der Regel ignorant, indem sie diese Nachfragen indigniert zurückweisen (-sogar Kritik von ihrem Bischof!), als sei die Gestaltung der Heiligen Messe ihre Privatsache, in die sich keiner einzumischen habe. Das ist ohne Zweifel nur noch skandalös, zumal es die ausdrückliche Aufforderung des Heiligen Stuhls an die Gläubigen gibt, „dafür zu sorgen, dass das heiligste Sakrament der Eucharistie vor jeder Art von Ehrfurchtslosigkeit und Missachtung bewahrt wird und alle Missbräuche vollständig korrigiert werden (6.183) … Jeder Katholik… hat das Recht, über einen liturgischen Missbrauch beim Diözesanbischof… oder beim Apostolischen Stuhl aufgrund des Primats des Papstes Klage einzureichen (6.184)“ (Instruktion „Redemptionis sacramentum). 19

Schon 1988 warnte Kardinal Ratzinger vor der gottesdienstlichen Banalität in Folge der Entsakralisierung: „Die Liturgie ist nicht Unterhaltung, nicht Show, nicht gemütliches Beisammensein. Es kommt daher auch überhaupt nicht darauf an, dass der Pfarrer interessante Ideen und erfindungsreiche Gestaltungen zuwege bringt. Die Liturgie ist das Hereintreten des dreimal Heiligen Gottes in unsere Mitte; sie ist brennender Dornbusch; und sie ist Bund Gottes mit den Menschen…“ 20

Unterstützend für die Banalisierungsakte von Priestern wirkt allerdings, dass viele praktizierende Katholiken es mittlerweile oft nicht mehr anders kennen und sich mit den Banalisierungen zufrieden geben. „Schafe halt“, möchte man kommentieren, doch das wäre ungerecht. Man hat es ihnen oft seit Jahrzehnten nicht anders vermittelt.

Genau genommen sind auch die betreffenden Priester nur teilweise verantwortlich zu machen, haben sie doch im Theologiestudium und in den Priesterseminaren vielfach nichts anderes gelernt von ihren Professoren. In letzter Konsequenz aber sind es die Bischöfe (womit der Bogen sich wieder bei Franz-Peter Tebartz-van Elst schließt): Bischöfe, die es versäumt haben, in ihren Priesterseminaren bzw. an ihren(!) Theologischen Hochschulen verantwortlich und wirkungsvoll über die Lehre zu wachen. Viele scheinen den Mut nicht aufzubringen, gegen Aufweichungen der Lehre oder eindeutige Falschlehren vorzugehen (und es mag eine Herkulesaufgabe sein, so manchen Augiasstall aufzuräumen zu wollen), doch auch DAZU WURDEN SIE BERUFEN. Unterlassungen haben gerade bezüglich der Lehrverfälschungen größtes Gewicht, weil die Folgen verheerend sind. Ohne den Unheilspropheten geben zu wollen wird man sagen dürfen: Auch über solche Unterlassungen werden Bischöfe vor ihrem Herrn Rechenschaft geben müssen…

 

19 Ausführlichere Angaben können auf unserer Webseite eingesehen werden: „Redemptionis sacramentum“
20 Ansprache vor den Bischöfen in Chile, 13.7.1988

 

2.4. Was das Konzil mit der Liturgiereform wirklich wollte

(13) Was ist beim zweiten konziliaren Reformanstoß, auf den sich jener ominöse ‚Geist des Konzils’ berief, bei der Liturgiereform also schief gegangen? Ihr waren vom Konzil selbst hohe Standards zugedacht, die aber von der tatsächlichen Entwicklung buchstäblich konterkariert wurden. Bevor auf Letzteres eingegangen wird, sollen die hohen Standards verdeutlicht werden; immerhin waren sie für die Konzilsväter verpflichtend, wie der kasachische Weihbischof Athanasius Schneider aufzeigt:

„Wenn in der Kirchengeschichte liturgische Reformen in Angriff genommen wurden, sei es aufgrund zeitbedingter Praktiken, welche dem wahren Wesen der Liturgie entweder fremd waren oder ihm sogar widersprochen haben, wendete sie als Kriterium die so genannte „Altehrwürdige Norm der heiligen Väter“ an. Die „Altehrwürdige Norm der heiligen Väter“ (pristina sanctorum Patrum norma) ist jener Grundsatz, welcher das Heilige, Göttliche, Himmlische, das Ewige betont und zwar durch die Akte der Anbetung und ihre entspre-chende äußere Ausdrucksform. Alle praktischen Normen in der Liturgie, vor allem jene Normen, welche geprüft oder geändert werden sollen, müssen das Ziel haben, deutlicher noch das Heilige ausdrücken.

Die Liturgiereform, sei es beim Konzil von Trient und auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil, stützte sich auf diesen Grundsatz. Papst Pius V. bezog sich bei der Veröffentlichung des Römischen Messbuches aus dem Jahre 1570 in seiner Bulle ‚Quo primum‘ auf diese „Altehrwürdige Norm der heiligen Väter“. Derselbe Ausdruck oder Kriterium wurde ebenso vom Zweiten Vatikanischen Konzil verwendet (Sacrosanctum concilium Nr. 50), und befin-det sich ebenfalls in der Allgemeinen Einführung des aktuellen Römischen Messbuches (Nr. 6).“21

(14) Das Konzilsdokument SACROSANCTUM CONCILIUM (SC) soll bezüglich der wichtigsten Änderungen hier selbst zu Wort kommen (Originalzitate = kursiv), damit seine Intention klar wird, bevor Fehlentwicklungen und Deformationen angesprochen werden:

SC Nr. 14: … Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist … aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen. Darum ist sie… durch gebührende Unterweisung zu fördern. – SC Nr. 21: …Bei dieser Erneuerung sollen Texte und Riten so geordnet werden, dass sie das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen, und so, dass das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann….

Zur Reform der Messe

(Sacrosanctum concilium, KAPITEL II (Nr. 47-56):

48. Sie soll bewirken … dass die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern… Deshalb soll… (51.) …die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden(= mehr Schriftlesungen aus At und NT)

52. Die Homilie wird sehr empfohlen (= regelmäßige Predigt)

53. Es sollen unter Teilnahme des Volkes Fürbitten gehalten werden

54. Der Muttersprache soll …gebührender Raum zugeteilt und… Vorsorge getroffen werden, dass die Christgläubigen die ihnen zukommenden Teile des Mess-Ordinariums auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können.

55. Mit Nachdruck wird jene vollkommenere Teilnahme an der Messe empfohlen, bei der die Gläubigen nach der Kommunion des Priesters aus derselben Opferfeier den Herrenleib entgegennehmen.“

Diese Zitate aus SACROSANCTUM CONCILIUM geben die wesentlichen Anliegen des Konzils für die Liturgiereform wieder. Es ging den Konzilsvätern um den „wahrhaft christlichen Geist“, um eine intensivere, bewusste Mitfeier der Gläubigen, denen es durch behutsame, kluge Einzelmaßnahmen ermöglicht werden sollte, tiefer in das Geheimnis der Eucharistie einzudringen: „bewusst, fromm und tätig“ (s.o.). Das Ziel war also größere Andacht, verständnisvollere Kenntnis des Glaubens, reifere Spiritualität und aktivere Teilnahme. – Den Aussagen von SACROSANCTUM CONCILIUM ist mithin nicht all das zu entnehmen, was der sogenannte ‚Geist des Konzils’ den gutgläubigen Katholiken seit 1965 souflierte; die Konzilsaussagen belegen nicht, dass all die Profanisierungen der letzten 50 Jahre von den Konzilsvätern auch nur ansatzweise gewünscht oder vorgesehen waren! Es gibt keinerlei Anweisungen,

  • den Gotteshäusern ihre sakrale Würde zu nehmen,
  • Kommunionschranken niederzureißen,
  • bei Festen den hinteren Teil der Kirche als Foyer zu nutzen (Getränke + Knabbern)
  • den Tabernakel in irgendeinem abgelegenen Winkel zu platzieren,
  • nicht mehr zu knien,
  • die Messe nicht mehr nach dem Messbuch zu lesen,
  • Hochaltäre zu entfernen,
  • keine eucharistischen Anbetungen mehr zu halten,
  • Figurenschmuck aus alten Kirchen zu verbannen,
  • die Sakramente nur noch in light-Versionen zu spenden,
  • die Beichte sogar ganz wegfallen zu lassen,
  • das Sterbesakrament nicht mehr zu spenden,
  • eigene Gedanken statt der vorgeschriebenen Messtexte vorzutragen oder
  • sie ganz wegfallen zu lassen,
  • Latein aus den Gottesdiensten komplett zu verbannen,
  • kreative Experimente mit der Messe zu betreiben,
  • die Gemeinde – statt Gott – in den Mittelpunkt der Messe zu stellen,
  • usw.

Zwar kommt allein durch die formale Einhaltung liturgischer Abläufe noch kein „wahrhaft christlicher Geist“ (s.o.: SC) in den Gottesdiensten zur Wirkung, solange der lebendige Glaube nicht hinzu tritt, doch Andacht und Geist werden durch formale Einhaltung jedenfalls nicht beeinträchtigt oder blockiert, wie es bei den Banalisierungen leider regelmäßig geschieht.

Im Übrigen ist auf Papst Johannes Paul II. hinzuweisen: „Der Apostel Paulus musste scharfe Worte an die Gemeinde von Korinth richten wegen der schwerwiegenden Mängel in ihren Eucharistiefeiern, die zu Spaltungen (skísmata) und Fraktionsbildungen (hairéseis) geführt hatten (vgl. 1 Kor 11, 17-34). Auch in unserer Zeit muss der Gehorsam gegenüber den liturgischen Normen wiederentdeckt und als Spiegel und Zeugnis der einen und universalen Kirche, die in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig wird, geschätzt werden. Der Priester, der die heilige Messe getreu nach den liturgischen Normen feiert, und die Gemeinde, die sich diesen Normen anpasst, bekunden schweigend und doch beredt ihre Liebe zur Kirche. Um diesen tiefen Sinn der liturgischen Normen zu bekräftigen, habe ich die zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie beauftragt, ein eigenes Dokument – auch mit Hinweisen rechtlicher Natur – zu diesem Thema von so großer Bedeutung vorzubereiten. Niemand darf das Mysterium unterbewerten, das unseren Händen anvertraut wurde: Es ist zu groß, als dass sich irgend jemand erlauben könnte, nach persönlichem Gutdünken damit umzugehen, ohne seinen sakralen Charakter und seine universale Dimension zu achten. (Johannes Paul II., Enzyklika ECCLESIA DE EUCHARISTIA)

 

2.5. Deformierte Liturgiereform
– Wohin sind wir gekommen? –

(15) Durch Bischöfe und Priester der Generation ‚Geist des Konzils’ verloren in viel zu vielen Pfarreien nicht nur die Messfeiern selbst, sondern auch die Gotteshäuser von ihrem unverwechselbar sakralen Charakter zu Gunsten einer modernistischen Profanisierung, die dem Zeitgeschmack der Gemeinde entgegen kommen wollte. Das war gut gemeint, doch weder katholisch gedacht, noch gut gemacht. Martin Mosebach legte den Finger in die Wunde. Sein Aufsatz „Die Bilder aus dem Herzen reißen – Bildersturm und Liturgie“ handelt am Beispiel einer Heidelberger Kirche von dem Schrecken, der in dem vieldeutigen Begriff ‚Aggiornamento’ enthalten ist.“22 Wie zu Zeiten des reformatorischen Bildersturms wurden die Kirchen im Zuge der Liturgiereform bzw. dessen, was man damit verwechselte, mit einem Mal ausgeräumt, leergefegt, vom sakralen Bildwerk ‚gereinigt’, als sei es ein einziges Missverständnis gewesen. Obwohl vom Konzil hierzu keine Aufforderung ausgegangen war, wurden die alten Kirchen „modernisiert“, was das Zeug hielt. Der neuen Liturgie sollte ein neues Gewand verpasst werden. Zurück blieb –bis auf wenige gelungene Ausnahmen – Ödnis in kahlen Gotteshäusern und protestantisierende Versammlungsmentalität in den Gottesdiensten. Sicherlich ist es nicht überall so trist wie im folgenden Bild Mosebachs, doch in der Tendenz beschreibt er zutreffend den erschreckenden Verfall des Sakralen im Ambiente der nachkonziliaren Neuerungen:

Der sprachliche Kitsch, der musikalische Kitsch, der Kitsch in Malerei und Architektur haben das Erscheinungsbild der öffentlichen Akte der Kirche vollkommen überflutet. Auf den Altären liegen beigefarbene Treviradecken wie auf Couchtischen, drei dicke Kerzen in handgetöpferten Tonschalen mit unappetitlich an Körpersekrete erinnernden Glasuren stehen in der einen Ecke, in der anderen schmückt ein nach den missverstandenen Prinzipien des japanischen Ikebana geschaffenes Gesteck aus Wurzeln und Trockenblumen die Tischplatte, in deren Mitte sich statt eines Kreuzes das Mikrophon erhebt. Wo steht die Schale mit den Salzmandeln, fragt man sich, denn eines steht nach der äußeren Erscheinung dieser Altäre völlig unzweifelhaft fest: sie sind keine Opferaltäre, und sollen auch gar keine sein.

Diese Betonhallen, diese Teppichböden, diese massiven Birkenholzmöbel, die Ledersessel am Altar, die Punktstrahler – diese ganze Innenarchitekten-Solidität einer neuen oder restaurierten Kirche weiß nichts…“ 23

Sie weiß nichts von der für Gläubige unbedingt notwendigen Erfahrung des Sakralen im ‚Hause Gottes’, des „allmächtigen Vaters“, der in jeder katholischen Kirche sein ‚Zelt’ im Tabernakel bewohnt, um wahrhaft anwesend zu sein bei seinem Volk, wie einst im Tempel des Alten Bundes; der sich im brennenden Dornbusch offenbart („Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!“ Ex 3,5). – Die nachkonziliar verbreitete Mentalität hat verdrängt oder weiß nicht mehr um die Würde des Sakralraumes, die vom Gegenüber des unendlichen Gottes in der Endlichkeit eines realen Kirchenraumes zeugt, und sei es die ärmste Dorfkirche, in der das ‚ewige Licht’ hinter rotem Glas brennt wie im brennenden Busch („Zieh deine Schuhe aus…“).

Denn das Mysterium der Inkarnation begegnet dem Gläubigen im ‚Hause Gottes’, wie Edith Stein einst am Beispiel einer alleine betenden Marktfrau im Frankfurter Dom erkannte: Initiationserfahrung ihres aufkeimenden katholischen Glaubens. Das ganz und gar unsentimentale Mysterium lebt fort in den Sakramenten der Kirche und gerade das Inkarnatorische ist es, das authentische Katholizität radikal unterscheidet vom Protestantismus. Es lässt den Katholiken in seiner Kirche voller Überzeugung niederknien vor dem lebendigen Gott, den er anwesend weiß, dessen Visitenkarte er im Glaubensbekenntnis kennt und bekennt! Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott. – Der Reformismus aber weiß nichts mehr vom Raum für das Heilige, will nichts mehr wissen von der sakralen Erfahrung, die eben nicht am Profanen Maß nimmt, sondern umgekehrt sich berufen weiß, von der Gotteserfahrung her die Welt zu verändern. Allein dazu nimmt der Kirchenraum den Menschen heraus aus der oft so erschütternd profanen Alltäglichkeit seines Lebens, in den heilenden Raum, der ein Kontrastraum ist zur unendlichen Profanität eines Lebens ganz ohne den Glauben, ausgeliefert an die Zwänge des Materialismus, des Konsumismus, des Konkurrenzverhaltens und von Vielem mehr, das den Menschen entfremdet von Gott und sich selbst…

Das Sakrale im kirchlichen Raum zu verdrängen zu Gunsten des Profanen bedeutet, die Gottesnähe zu verlassen und Maß zu nehmen an der Welt und ihren hohlen Heilsversprechen. Es ist Missbrauch.

(16) Nicht zuletzt vertrieben solche zunehmend banalen, nachkonziliaren Gottesdiensterfahrungen entsakralisierter Art ganze Scharen von Gläubigen, die sich verstört abwandten, die deshalb nicht mehr praktizierten. Man kann der Kirche fern bleiben, weil man das Kirchliche in ihr nicht mehr antrifft. Diese Rechnung aber hat noch niemand aufgemacht; sie sollte nicht verdeckt bleiben bis zum Jüngsten Tag!

Es wäre an der Zeit, dass Meinungsforscher vor dem Hintergrund entsakralisierter Gemeindemessen ermitteln, wie hoch der Anteil solch gläubiger Kirchenferner heute ist; vermutlich würde man sich wundern. Wir dürfen uns nicht länger zufrieden geben mit ‚alternativen’ Gottesdiensten, in denen der Pfarrer und sein ‚Team’, statt eine Heilige Messe zu lesen und selbst sozusagen unsichtbar zu werden, um Christus Raum zu geben, sich als Entertainer mit Assistenten gebärden. Das ist – Missbrauch!

 

22 Martin Mosebach, Häresie der Formlosigkeit, München 2007, S.70

23 M. Mosebach, a.a.O.,S.116 f

 

3. LimburgerZustände

3.1. Wo stehen wir heute? Wird wirklich „aufgearbeitet“?

(17) Mehr als vier Monate nach dem Rücktritt fällt auf, dass in den Kreisen der Bischofsgegner mit keinem einzigen Wort Selbstkritik bzw. Ursachenforschung in eigener Sache betrieben wird. An diesem Eindruck ändert auch die jüngste Erklärung des Limburger Domkapitels wenig, gesteht sie doch lediglich das ein, was der öffentliche Prüfbericht den Domkapitularen längst als schwerwiegende Fehler nachgewiesen hat.

Da ist niemand, der erkennen ließe, dass auch seitens der Priester und Hauptamtlichen Fehlverhalten aufgearbeitet werden muss. Was lag auf ihrer Seite, ganz abgesehen vom Bauprojekt ‚Domberg’, eventuell im Argen und provozierte jahrelang jene Konflikte mit dem Hirten, die sie heute – gleichsam in der Opferrolle – lautstark beklagen? Welche Verhaltensweisen oder Unterlassungen von Priestern oder PastoralreferentInnen gingen dem ‚autoritären’ Verhalten des Bischofs voraus? Wie kann einfach kategorisch ausgeschlossen werden, dass es objektiv sehr gewichtige Gründe gab, die es zumindest verständlich machen, weil sie auch jeden anderen couragierten Bischof zum Eingreifen veranlasst hätten? Es darf nicht sein, dass wichtige Fragen länger tabusiert werden.

Kam das ‚Klima der Angst’ nicht auch daher, dass nach vielen Jahren des Laisser-faire zum ersten Mal wieder als letztes Mittel Disziplinierungen drohten, weil einer die Führungsstärke besaß, lehramtstreues und loyales Verhalten konsequent einzufordern? In der Arbeitswelt, in Betrieben, Schulen, Behörden… überall wird offensichtliches Fehlverhalten sanktioniert. Auch in der Kirche kann es nicht anders zugehen, man lese zum Beispiel das Kapitel der Benediktsregel über das rechte Handeln des Abtes.

Kein Limburger Priester aber, kein Hauptamtlicher, kein Gremienvertreter scheint sich heute mit Bedauern an die eigene Brust zu klopfen. Daraus – und aus der ungeheuren Aufregung über den einen Menschen im Bischofsamt, die sich einfach nicht legen will, muss der Beobachter wohl folgern, dass es vor Tebartz geradezu ideal zugegangen sein muss im Bistum Limburg. All die Substanzverluste, die oben zum Thema Entsakralisierung angesprochen wurden, die nach unserer Recherche sehr vielen Menschen ihre Kirche verleidet, ja sie vertrieben haben, sie existieren einfach nicht im Bewusstsein der Bischofskritiker. Man selbst hatte –so die Botschaft- nicht die geringste Mitschuld an Limburger Zuständen, die es im Übrigen gar nicht gab. Kann das sein –oder sind sie alle nur Weißwäscher kirchlicher Verhältnisse, die da mit ihren Fingern auf den Bischof zeigten und heute das Rad wieder zurück drehen wollen zu den ‚vortebartzschen‘ Zuständen, mit denen sich so ungezwungen leben ließ?

Ist das nicht die gleiche klerikale und hauptamtliche Funktionärs-Ignoranz, die schon nach der Freiburger Rede (2011) Papst Benedikts Entweltlichungsforderung, sein Vermächtnis an die Kirche in Deutschland, an sich abperlen ließ, wie derbes Ölzeug Wasser abperlen lässt? Wie viele Megatonnen Selbstgerechtigkeit und Wirklichkeitsverdrängung sind hier eigentlich unterwegs? Intellektuell redliche und kirchlich angemessene Aufarbeitung sieht entschieden anders aus!

Es müssen endlich wesentlichere als strukturelle Fragen geklärt werden im Bistum, sonst kann es nicht gut gehen mit der Bischofsnachfolge, auf die wir alle warten!

(18) Die grenzenlos einseitige Schuldzuweisung an die Adresse des Bischofs erscheint nur erklärbar wenn man annimmt, dass die Bischofsgegner sich offensichtlich voll und ganz mit dem fragwürdigen ‚Geist des Konzils’ und allem, was er nach sich zog, identifizieren. Wollten sie diesen ‚Geist’ heute kritisch hinterfragen, so hieße das, eventuell auch die eigene kirchliche Biographie in Frage zu stellen, Jahrzehnte des eigenen pfarrlichen Wirkens selbstkritisch zu analysieren, über mögliche eigene Irrtümer zu grübeln, ihnen theologisch nachzuforschen, vielleicht sogar (große) eigene Fehler offen eingestehen zu müssen. Am Ende stünde man selbst auf dem Pranger. „Es ist lächerlich
, sagt der Stolz
. Es ist leichtsinnig
, sagt die Vorsicht
. Es ist unmöglich, 
sagt die Erfahrung
.“24

Andererseits ist es nur schwer vorstellbar, dass die Vorgänge des letzten Jahres ihre Protagonisten selbst nicht schwer belasten. Wie manch ein Bischofskritiker heute privat darüber denkt, das mag doch mitunter sehr abweichen von der nach außen gezeigten Selbstgewissheit. Deshalb die entscheidende Frage: Wäre eine schonungslose Selbstbefragung wirklich gleichbedeutend mit ultimativer Selbstaufgabe? Hat man nicht längst selbst manche Reformidee, manche „Coca-Cola-Messe“, um ein plakatives Beispiel zu nennen, als Verirrung erkannt, die nur noch peinlich wirkt, wenn man daran denkt? – Gewiss gibt es gerade unter den Priestern, die sich mitverantwortlich in den Limburger Vorgängen verhielten, wie beispielsweise die „Hofheimer“, mittlerweile etliche, die sich längst nicht mehr wohl fühlen in der Rolle des Scharfrichters über ihren Bischof.

Wir erinnern uns, dass ein Domkapitular vor Monaten dem Bischof riet, sich für eine Zeit in die abgelegendste, kleinste Pfarrei zurück zu ziehen, um dort seine eigene Berufung neu zu befragen, bevor er (in Ehren) wiederkäme. Keine schlechte Idee – gerade auch für die Kritiker selbst. Selbstbefragung. Tatsächlich gibt es genügend Beispiele dafür in der Kirchengeschichte, dass ein Saulus schließlich zum Paulus wurde. Es waren keineswegs die schwachen Charaktere, die eine Verstrickung in Konflikte und harte Krisenerfahrungen letztlich zur Revision des eigenen Lebensentwurfs nutzten. Wollte der ein oder andere Priester bzw. Hauptamtliche nach den aufwühlenden Monaten des ziemlich unchristlichen Streites, der zahllose Menschen abgestoßen und der Kirche mehr denn je entfremdet hat, die angesprochenen Fragen endlich selbstkritisch zulassen, es sähe entschieden besser aus für einen Neuanfang im Bistum Limburg!

Nicht nur, dass die alten Reformideen der bewegten Jahre längst zu Ladenhütern geworden sind, mit denen kein großer Wurf mehr zu machen ist; die Zeiten haben sich gegenüber den 70er-Jahren und Folgenden grundlegend geändert: Es gibt trotz mancher Anfeindung heute viele Zeichen für eine ganz neue Offenheit gegenüber authentischer Katholizität. Die Bereitschaft beispielsweise, sich der sakramentalen Wirklichkeit der katholischen Liturgie mit Interesse zu nähern, sie Wert zu schätzen, ist gerade unter jungen Leuten mittlerweile verbreiteter, als mancher annimmt.

Leider kommt bisher aus dem Umfeld des bestellten Administrators noch kein theologischer oder pastoral analysierender Ansatz, der sowohl die Vorgeschichte des Konfliktes (siehe Kardinal Brandmüller) in den Blick nimmt, als auch Perspektiven einer grundlegenden Erneuerung aufzeigen könnte. Der Vertreter des Administrators, dem von verschiedenen Seiten viele ernste Hinweise auf die Limburger Chronologie der Missstände seit Bischof Kempf gegeben wurden, scheint sich im Gegenteil eher auf Beschwichtigungsargumente beschränken zu wollen, wenn er zu Protokoll gibt: „Die Krise ist über fünf Jahre entstanden, in etwa so lange wird auch ihre Bewältigung brauchen.“ 25 Der erste Teil seiner Aussage ist klar zu bestreiten: Die Missstände kamen keineswegs erst mit dem jungen Bischof nach Limburg! „Die Krise des Bistums Limburg ist über fast 50 (FÜNFZIG!) Jahre entstanden“, so hätte die Aussage lauten müssen! Dies auszublenden verhindert seriöse Aufarbeitung. Es öffnet keine Wege zu wahrer Erneuerung der Kirche von Limburg.

 

24 Erich Fried, „Was es ist“

25 FAZ, 28.5.2014, „Es ist noch lange nicht alles im Konsens“

 

3.2. Was wir den Bischofsgegnern dringend empfehlen

(19)An dieser Stelle möchten wir abschließend Sie selbst, werte Bischofskritiker, in direkter Rede ansprechen. Wir legen mit der vorliegenden Erklärung zwei grundsätzliche, nach unserer Überzeugung schwere Fehlentwicklungen auf den Tisch:

Zum Ersten das demokratische Missverständnis, mit dem Sie bzw. ein Teil von Ihnen, die Kirche der Welt anpassen wollen. Damit aber wird das Hirtenamt fundamental in Frage gestellt, das Christus selbst für alle Zeiten und zu unserem Heil einsetzte. Wenn Sie persönlich zwar gegen den Bischof waren, solche Ambitionen jedoch nicht teilen, fordern wir Sie hiermit dringend auf: Bestehen Sie in Ihren Reihen nachdrücklich darauf, Abstand zu nehmen von der strukturellen Demontage des Bischofsamtes in der Kirche von Limburg. Jenen anderen aber sagen wir: Bedenken Sie, dass Sie sich an der Substanz der Kirche vergreifen! Das Hirtenmotiv ist kein poetisch-überhöhtes Sprachbild des Herrn, keine ‚Hirtenidylle’ zur Herzerwärmung und schon gar keine Ermächtigungsformel für weltliche ‚Herrschaft’ in der Kirche. Es bezeugt vielmehr eine Realität: Wo keine geweihten Hirten mehr in persönlicher Beauftragung und Verantwortung die Herde mit Gottes Hilfe leiten, wird sie in kürzester Zeit aufgerieben und zerstreut werden, der Welt gleich gemacht.

Zum Zweiten sprachen wir die tausend Beispiele der Entsakralisierung bzw. Profanisierung an, mit denen der Nerv des Glaubens gleichsam vereist wurde, sodass heute von vertieftem Glaubensleben und -wissen in den Gemeinden weithin kaum mehr gesprochen werden kann.

Das sind sehr schwerwiegende Fehlentwicklungen. Warum wurden sie im Bistum bisher nicht thematisiert? Warum wird nicht kritisch über die brennenden liturgischen und katechetischen Defizite in der Pfarr-Realität gesprochen? Hierüber zu schweigen betrachten wir als eine nicht zu entschuldigende Unterlassung, gegenüber der die Geldverschwendung am Bau nur eine Lappalie ist!

Wir, die wir uns als Stimme aus dem Volk Gottes verstehen, um das es bei all dem Zwist letztlich geht… wir haben genug von der dünnen, salzlosen Suppe der Strukturreform von unten oder etwas weiter oben. Wir haben als Katholiken einen Anspruch auf die authentische, katholische Kirche und die Mittel zu unserem Heil, über die sie verfügt – und genau diese fordern wir von Ihnen ein, seien Sie Priester oder Hauptamtlicher! Diese nämlich sind Sie uns schuldig: die katholische Kirche! Wir sagen: Es wurde nun wirklich lange genug experimentiert im ominösen ‚Geist des Konzils’, der eher dem flüchtigen Gespenst des Zeitgeistes, als dem Konzil selbst entsprochen hat. Es reicht.

(20) Zuletzt: Mit Einem sollten Sie, Priester oder Synodale, bitte aufhören: Der Kirche im Bistum den Weg aus der Krise weisen und Maßnahmen des Bischofs zurück nehmen zu wollen. Überlassen Sie die Aufarbeitung des Limburgkonfliktes dem, der tatsächlich dazu bestellt ist: dem apostolischen Administrator. Denn Sie als Bischofsgegner, d.h. als im höchsten Maße am Streit direkt Beteiligte, sind weder befugt, noch berufen, nun auch noch die Aufarbeitung in Ihre Hände zu nehmen. Wo gibt es das, dass eine Konfliktpartei sich nach sozusagen ‚eigenhändiger‘ Vernichtung der Gegenseite selbst auch noch auf den Richterstuhl setzen dürfte? Vielleicht auf der Bounty… So weit sind wir aber Gott sei Dank nicht in der Kirche, dem ‚unsinkbaren Schiff’. Neutralere Hände sollten die Knoten nun nach und nach lösen.

Erlauben Sie uns den folgenden Rat: Ihre Sache muss es jetzt sein, endlich Ruhe zu geben und ernsthaft zu reflektieren. Bei sich selbst müssen Sie beginnen: Persönlich aufarbeiten, was Ihr eigener Anteil an den beschämenden Vorgängen war und ist! Not tut ehrliche Gewissenserforschung, die nicht nur unentwegt vom Bischof gefordert, sondern auch durch jeden von Ihnen bei sich selbst unternommen wird… alles andere wäre Verdrängung, Unschuldswahn (-doch genau dies scheint gegenwärtig sehr im Schwange zu sein). Die institutionelle Aufarbeitung dagegen kann in einem sauberen Verfahren nur dem überlassen werden, den der Papst dazu bestellt hat.

Ein Wort an das Domkapitel: Für einen echten Neuanfang im Bistum Limburg wäre Ihr freiwilliger Rücktritt, verehrte Herren Domkapitulare, allemal dienlicher, als die inkonsequente und eher peinliche Bitte „um Verzeihung“, die Sie jüngst an die „Schwestern und Brüder in den Gremien“ (sowie -etwas nebenbei- an die Gläubigen) gerichtet haben.

Und wirken Sie, verehrte Bischofsgegner, bitte darauf hin, dass aus Ihren Reihen über die Medien nicht unablässig weiter schmutzige Kirchenwäsche gewaschen wird. Soll auf diese Weise die weltliche Öffentlichkeit für Ihre Interessen mobilisiert werden, um so innerkirchlich Druck ausüben bzw. Einfluss nehmen zu können? Das war und ist schlechter Stil, den sich Kirchenmänner und -frauen eigentlich verbieten sollten.

(21) Die Kirche muss auch im 21. Jahrhundert nicht neu erfunden werden. Bischöfe bleiben Bischöfe, Priester bleiben Priester, Laien bleiben Laien. Und das ist gut so. – Was uns Not tut, sind gute und überzeugte Priester, sind wirklich „Heilige“ Messen. Uns fehlen nicht frustrierende Strukturdebatten, sondern unendlich viele Katechesen, in denen der Glaube vertieft und dem Volk Gottes endlich wieder Glaubenswissen vermittelt wird. Was Not tut, ist keine weitere Aufblähung des kirchlichen Apparates, sondern die langsame, aber stetige Entbürokratisierung der Kirche; wir brauchen deutlich weniger, statt mehr Angestellte und Hauptamtliche der Kirche. Not tut die Stärkung des Subsidiaritätsprinzips gegenüber dem ‚Apparat’, verstärkte Förderung ehrenamtlicher Katecheten in den Ortsgemeinden (siehe Bischof-Blum-Kolleg). Not tut keinesfalls Demokratisierung, sondern unbedingt Evangelisierung; nicht Anpassung an die Welt, sondern Missionierung der neuheidnischen Welt, die den Sinn vergeblich im Tanz ums goldene Event-Kalb sucht. Statt mit Profanisierungen (im stereotypen Pastoralneusprech:) „den Menschen dort abholen“ zu wollen, wo er angeblich steht, ist ihm die Schönheit katholischer Sakralität erlebbar zu machen und zu erklären. Statt in reduzierten oder banalisierten Liturgien den Menschen zu unterfordern, sollen wir ihm etwas zutrauen, die „Gottfähigkeit“ nämlich, auf die der Katechismus bereits auf den ersten Seiten hinweist (KKK 27ff). Und Not tut genau dieses Buch jedem Katholiken: der Katechismus.

Die Mentalität des Dauermurrens dagegen, des Dauernörgelns über Rom und die Hirten des Glaubens (vor allem aus ‚berufskatholischem Mund’) muss endlich aufhören. Unsere unbedingte Loyalität gehört dem Heiligen Vater, dem Konzil und dem Lehramt, alles andere führt zu nichts Gutem. Lassen Sie uns Abstand nehmen vom verklemmten Fremdschämen für die Unangepasstheiten kirchlicher Traditionen, seien wir vielmehr stolz darauf und füllen wir sie neu mit authentischem Leben!

Nur dies zählt: dass wir eindeutig zur Kirche stehen und die Freude am Glauben leben. Wer es fassen kann, der fasse es.

V.i.S.d.P.: Michael Schmitt, Sprecher der Laieninitiative
Una Sancta Catholica – LAIEN FÜR KONZIL UND LEHRAMT“,
Habsburgerallee 21, 60385 Frankfurt

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